Pressekonferenz
im Preußischen Museum in Wesel am Montag, den 27. Juni 2005

 

Sehr geehrte Damen und Herren,


Vor ungefähr zehn Jahren wollten wir in der Stiftung Friedenserziehung eine Ausstellung über den Frieden entwickeln.

Dies war jedoch nicht so einfach.

Die schwierigste Frage war, wie kann man Frieden darstellen?

Wir entdeckten, dass es viel einfacher ist eine Ausstellung über Krieg zu machen.

Vom Krieg kann man viel zeigen.

Waffen, Uniformen, Bomben und Granaten.

Auch kann man in einer Ausstellung die Folgen vom Krieg zeigen.

Fotos und Filme von verwüsteten Städten, Gefangenenlagern, Flüchtlingen und so weiter.

Aber Frieden zu zeigen ist viel schwieriger.

 

Wir haben uns dann viel mit Kindern darüber unterhalten.

Und wir kamen zu dem Schluss, dass man Frieden nicht zeigen kann, sondern dass man ihn machen muss.

Und wir haben zesammen entdeckt, dass Frieden nicht einfach vom Himmel fällt.

 

Frieden entsteht durch das Handeln von Menschen.

Menschen haben zu jeder Zeit und an jedem Ort Kriege geführt.

Aber glücklicherweise ist das nicht alles.

Menschen haben auch zu jeder Zeit und an jedem Ort Frieden geschlossen.

 

Die Kinder und Jugendlichen von heute haben viel Erfahrung im Frieden machen.

Und Gott sei Dank gibt es um uns herum mehr Frieden als Krieg.

Dies liegt an unserer geographischen Lage, denn es gibt momentan fast dreißig Kriege und bewaffnete Konflikte auf der Welt. Ausserdem werden wir täglich mit den Folgen von Gewalt konfrontiert.

Und gerade deshalb ist es notwendig das täglichen Leben von Kindern und Jugendlichen zu beeinflussen, indem man ihnen zeigt, wie sie Frieden machen können.

 

Und so kamen wir zu Beginn der neunziger Jahre zum Konzept des interaktiven Lernens.

Wir haben zehn interaktive Ausstellungen in den Niederlanden, aber auch in sieben anderen europäischen Ländern gemacht, zum Beispiel in Belgien, Italien, Frankreich, Nordirland und Russland.

Es handelt sich dabei nicht um traditionelle Ausstellungen, in denen also Texte, einige Fotos und Illustrationen im Zentrum stehen.

Das ist zu passiv.

Wir haben eine Ausstellung gemacht, die Kinder und Jugendliche einläd selbst an die Arbeit zu gehen.

Entdecken, erleben und handeln sind die drei Schlüsselwörter.

Schüler können in unserer Ausstellung Wissen erwerben, Fertigkeiten üben und Stellung nehmen.

Wir erzählen den Lernenden nicht was sie über Politik oder soziale Probleme denken müssen.

Wir geben ihnen vielmehr Werkzeuge und Kentnisse an die Hand, so dass sie eine eigene Meinung entwickeln können.

 

Wir benutzen eine für Kinder und Jugendliche greifbare und verständliche Definition von Frieden.

Wir sagen ihnen: Überall wo Menschen einander helfen, wo sie sich gegenseitig trösten und sich gegenseitig respektieren, dort ist Frieden.

Überall wo Menschen sich gegenseitig vertrauen und wo sie die Erde schützen, dort ist Frieden.

Dies ist eine positive Beschreibung von Frieden.

Meist neigen wir dazu Frieden negativ zu definieren.

Frieden ist dann die Abwesenheit von Krieg, Hunger und Gewalt.

Dies ist oft zu weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen.

Wir wollen in der Friedensfabrik Frieden so positiv wie möglich vermitteln.

Dialog und Begegnung sind dabei zentral.

 

Schüler untersuchen Geschichte, erkennen die Grenzen von Toleranz und erlernen Handlungsperspektiven, wie sie in ihrem täglichen Leben konkret Frieden machen können.

So lernen sie, zum Beispiel welche Werte ihrem eigenen Handeln zugrunde liegen.

 

Um etwas über uns selbst und die heutige Welt zu erfahren müssen wir uns mit der Geschichte beschäftigen.

Deshalb spielt Geschichte in unserer Ausstellung eine wichtige Rolle.

Wir wollen, dass die Kinder und Jugendlichen sich mit Geschichte auseinandersetzen.

Wir wollen sie erkennen lassen, wie Vergangenes unser heutiges Denken und Handeln beeinflußt und was sie selbst zum Zusammenleben der Menschen beitragen können.

Wir stellen den Lernenden in die Gegenwart und lassen ihn von dort in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen.

Die menschlichen Erfahrungen von Verzweiflung, Verrat und Gewalt spielen dabei eine eben so wichtige Rolle wie das Erleben von Hoffnung, Zivilcourage, von Widerstand und gewaltfreier Konfliktlösung.

Dabei möchten wir im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitend tätig sein.

Zum Beispiel gibt es in unserer Ausstellung Raum um an den deutschen Soldatenfriedhof in den Niederlanden zu erinnern, auf dem 32.000 deutsche Soldaten begraben liegen.

Uns ist es wichtig Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven zu analysieren: aus der der Opfer, der Täter, der Zuschauer, und der Widerständler.

 

In der Friedensfabrik können Schüler zwischen zehn und fünfzehn Jahren Frieden und Freiheit produzieren.

Um sie dabei zu unterstützen haben wir Maschienen und Apparate gebaut.

In Paaren folgen die Kinder einem Ausbildungspfad durch diese Maschienen.

Sie benutzen eine Routenkarte, die zum einen Ausstellungsführer ist und auf der zum anderen unterwegs immer wieder etwas aufgeschrieben wird.

Für Dozenten und Begleiter wurde ein Handbuch zusammengestellt.

Darin werden Vorschläge gemacht, wie die Themen der Austellung nach dem Besuch bearbeitet und besprochen werden können.

 

Und was macht die interaktiven Austellungen in so vielen Ländern so erfolgreich?

Forschungsarbeiten an den Universitäten Utrecht, Moskau und Belfast lassen die folgenden Schlussfolgerungen zu:

 

Die Schüler:

-      erfahren Lernen als Vergnügen

-      können mit Fakten, Meinungen und Vorurteilen umgehen

-      lernen effektiv durch Interaktion mit Gleichaltrigen

-      können Perspektiven für Frieden im Alltag erkennen

-      üben verschiedene Arten von Intelligenz

-      erfahren sich selbst als Teil eines sozialen Problems, aber auch als Teil der Lösung

 

Die Lehrer:

-      sind Vermittler und Partner im Lernen

-      geben nicht nur Informationen weiter, sondern regen die Schüler zum selbst Entdecken an

-      unterrichten gerne Schüler, denen Lernen ein Vergnügen ist

-      finden mehr Zufriedenheit in ihrem Beruf

-      bilden Kinder aus selbständig zu denken

-      erwähnen, dass der Lernprozess positive Auswirkungen auf den sozialen Kontext hat

 

Die interaktive Methode

-      umfasst verschiedene Lernkonzepte als Antwort zur menschlichen Lernvielfalt

-      hat einen nicht-moralischen Ansatz

-      bietet innovative Möglichkeiten zum selbstbestimmten Lernen

-      hat positive Auswirkungen in Ländern mit (gewaltsamen) sozialen Konflikten

-      stellt soziale Probleme als Herausforderung an alle Menschen dar

 

Ich hoffe sehr, dass unsere zweisprachige Austellung "Die Friedensfabrik" im Preussischen Museum in Wesel zur Friedenserziehung und zur Verständigung zwischen unseren beiden Ländern beitragen wird. Und dies nicht nur in Wesel, sondern auch in Aachen und Osnabrück und hoffentlich in vielen weiteren Städten.

 

Unser Dank gilt Herrn Dr. Veltzke, dem Direktor des Preussischen Museums, der uns eingeladen hat nach Wesel zu kommen. Ausserdem danken wir Herrn Lenders, dem Direktor vom Nationalen Befreiungsmuseum in Groesbeck, der den Kontakt mit dem Preussischen Museum vermittelt hat.

 

Wir (alle) wohnen nahe beieinander.

Und wir teilen eine Geschichte mit hellen und dunklen Tagen.

Wir haben viele Gemeinsamkeiten.

Zum Beispiel den Wunsch nach einem friedlichen und gerechten Zusammenleben.

Mein Wunsch ist, dass die Friedensfabrik dazu beitragen wird.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Und viel Spass in der Friedensfabrik)

 

 

Utrecht, 27. Juni 2005

Jan Durk Tuinier