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www.heise.de Schwerstarbeit in der
Friedenfabrik Michael Klarmann 20.11.2005 Eine Friedensinitiative glaubt
nicht, dass eine Ausstellung Frieden darstellen kann. Statt dessen entwarf
sie eine etwas komplizierte Mitmachausstellung Darf man nach einem Krieg verlorene Teile seines Landes
zurück erobern? Ist es Tatsache oder Vorurteil, dass in der Ehe ein Mann
"der Boss" sein soll? Sollten Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge
Aufenthaltsrechte erhalten? Hast du Macht, weil du Geld hast, "gescheit",
"stark" oder "der Boss" bist? Fragen wie diese müssen
Besucher der interaktiven Ausstellung "De Vredesfabrik"
beantworten. So sollen sie selbst ausloten, wie schwer es ist, Frieden zu
stiften oder ihn zu erhalten. Dominic (13) und Moritz (13) aus Aachener
finden derlei Frage-Antwort-Spiele teils etwas kompliziert und umständlich
formuliert. Dennoch sei die "Friedenfabrik" eine gute Idee. Derzeit leisten Kinder und
Jugendliche in der "Friedensfabrik" Aachen Schwerstarbeit. Gut 15
Schaltschränke mit rund 70 Funktionen stehen in der Volkshochschule (VHS) der
Kaiserstadt. Im Hintergrund hört man Industriegeräusche. Doch hier werden
keine Güter produziert. "Die Besucherinnen und Besucher produzieren
Frieden und Freiheit", sagt Winfried Casteel von der VHS. "Mit
allerlei Werkzeugen entdecken sie, dass Toleranz Grenzen hat, dass Freiheit
an Regeln gebunden ist, dass Konflikte auf verschiedene Arten gelöst werden
können." Gerätschaften sind dabei Schalt-
und Drehflächen, Schieber, Knöpfe, eine Waage und Drehapparaturen – fast wie
in einer echten Fabrik. Und je nach Gerät leuchten Lampen auf, so die Antwort
richtig ist. Oder Zahnräder geben Hinweise darauf, wie die gegebene Antwort
zu werten ist: "Du schlägst dich gern. Tipp: Pass auf, denn wer Gewalt
anwendet, bekommt selber Hiebe", wird man je nach Radstellung in einem
zuvor leeren Fenster plötzlich belehrt. Dominic und Moritz leben beide
in Aachen und besuchen die 8. Klasse des angesehenen Kaiser-Karls-Gymnasiums.
Aber schon ihre erste Aufgabe in der "Friedensfabrik" macht ihnen
klar, dass es nicht einfach wird. Bei der Aussage: "Man darf Krieg
führen, um sein Land zurück zu erobern", stellt Moritz das Sichtfenster
auf "gar nicht einverstanden". Damit, dass man "einen Krieg
führen darf, aber nicht mit Kernwaffen" ist er "sehr
einverstanden". Mit der Aussage, "man darf niemals Krieg
führen", ist Dominic "sehr einverstanden". Andererseits ist er
auch "sehr einverstanden" damit, dass man "einen Krieg führen
darf, aber niemals mit Kernwaffen". Eine geschickte Frage: Obschon der
13-Jährige den Einsatz von Atomwaffen ablehnt, stimmt er entgegen seiner
vorherigen Ablehnung nun doch zu, das man Kriege führen darf. "In der Friedensfabrik wird
ein Bezug zwischen Krieg und Frieden, zwischen Vergangenheit und Gegenwart
hergestellt. Allmählich kommen die Besucher dahinter, dass die Ausstellung
eigentlich von ihnen selbst handelt, von eigenen Normen, Haltungen und
Verhaltensweisen", erklärt Casteel. Entworfen wurde das alles von der
Stichting Vredeseducatie (Stiftung Friedenserziehung) im niederländischen
Utrecht. Anders als Ausstellungen über Kriege oder Waffenschauen fanden die
Initiatoren, es sei unmöglich, Frieden darzustellen. So konzipierten sie die
Mitmachausstellung, die zwar auch Historisches vermittelt, meist aber den
Einzelnen direkt fordert. Casteel meint, dies diene dazu, dass gerade Kinder
und Jugendliche lernen müssten, "Stellung zu beziehen und zu einer
Meinung zu stehen". Oft sind es indes verzwickte Fragen.
Etwa die, was man dagegen tun kann, wenn ein namhafter Sportartikelkonzern
seine Produkte in der Dritten Welt mittels Kinderarbeit herstellen lässt.
Dominic und Moritz sind sich einig und wählen von den vorgegebenen Antworten
jene, dass sie einen Artikel in ihrer Schülerzeitung zu den
menschenunwürdigen Umständen schreiben wollen. Warum aber wählen sie nicht
die Vorgabe, dass sie keine Produkte der Firma mehr kaufen würden, so lange
die Kinderarbeit nicht gestoppt wird? Dominic sagt, es gebe ja sicher auch
andere Fabriken des Konzerns, wo es keine Kinderarbeit gebe. Daher könne man
ja nicht das ganze Unternehmen boykottieren. Und Moritz findet, gerade wenn
ein Markenprodukt qualitativ hochwertig sei, könne man es weiter kaufen.
Allerdings müsse man eben die Firma durch öffentliche Kritik dazu bewegen,
auf die Kinderarbeit zu verzichten. Sollte das nicht klappen, käme für ihn
erst noch die dritte der vorgegebenen Antworten in Frage: "Du sammelst
Unterschriften dagegen." Friedensarbeit hat auch damit zu
tun, in welcher Situation der Mensch sich befindet. Wie würde wohl Erwachsene
die Schieber platzieren, wenn sie darauf antworten müsste, was für sie
persönlich die "Freiheit vergrößert"? Eine SMS an amnesty international senden? Einen
Verdächtigen bei der Polizei anzeigen? Oder Geld für einen guten Zweck
spenden? Dominic und Moritz entscheiden sich einhellig und rasch für die
vierte Möglichkeit: "Einem Mitschüler, der geärgert wird,
beistehen." Bei einem anderen Schaltschrank
braucht aber besonders Moritz sehr lange. "Ich weiß jetzt nicht genau,
was gemeint ist und ob man weiter denken soll", sagt er und seufzt
unentschlossen. Die Fragestellung ist, wodurch die Freiheit vergrößert oder
eingeschränkt wird. Letztlich findet Moritz, alle Vorschläge schränkten die
Freiheit ein: die Verkehrsvorschriften, Passkontrollen, Fahrkartenkontrollen,
das Verkaufsverbot für Zigaretten an unter 16-Jährige, der Rausschmeißer in
der Disko – und der Wecker. Aber sichert manches davon nicht auch gewisse
Freiheiten, etwa die der Mitmenschen? Insgesamt finden die beiden
Schüler die Ausstellung gut. Moritz merkt jedoch an, die Fragen seien
manchmal umständlich formuliert und das an einigen Schaltschränken angebotene
"Bewertungssystem passt nicht zur eigenen Meinung". Dominic macht
sich dazu seine eigenen Gedanken. Möglicherweise sei das extra so,
"damit man länger nachdenken muss und auf andere Schlüsse kommt". Zu sehen ist die
"Friedensfabrik" noch bis zum 4. Dezember in der VHS Aachen. Der
Eintritt ist frei, "Routenkarten" zur späteren Auswertung der
Antworten und dabei erreichten Punkten kosten 1 Euro. Schulklassen und
Gruppen sollten sich anmelden (Tel. 0241/4792127). Überdies werden
Einrichtungen gesucht, die die "Friedensfabrik" auch an anderen
Orten zeigen möchten. |
Aachener
Nachrichten 09-11-05
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Neue
Rhein Zeitung 28-06-2005
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Rheinische Post 28 juni 2005
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